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Pädophilie ist nicht gleich Kindesmissbrauch

25. Sept.
5 Min. Lesezeit

Warum Prävention mehr braucht als Empörung und Bestrafung


Wenn sexualisierte Gewalt an Kindern bekannt wird, ist die Empörung zu Recht groß. Es geht um massive Grenzverletzungen und Machtmissbrauch, die für betroffene Kinder schwere und langfristige Folgen haben können.


Gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen: Schützt Prävention Kinder derzeit ausreichend? Und kann die Art, wie wir über solche Taten sprechen, mitunter sogar hinderlich sein, wenn es darum geht, Übergriffe zu verhindern?


In der öffentlichen Debatte werden Begriffe wie Pädophilie, Pädosexualität, Kindesmissbrauch und sexualisierte Gewalt häufig miteinander vermischt. Sie bedeuten jedoch nicht dasselbe.


Diese Unterscheidung ist keine Wortklauberei. Sie ist wichtig, wenn wir verstehen wollen, wo Prävention ansetzen kann.


Pädophilie beschreibt eine Neigung – Pädosexualität ein Verhalten


Pädophilie beschreibt eine sexuelle Neigung zu vorpubertären Kindern. Davon zu unterscheiden ist die Verhaltensebene: Wird Sexualität auf Kosten von Kindern ausgelebt, sprechen wir von pädosexuellem Verhalten beziehungsweise von sexualisierter Gewalt.

Dazu gehören nicht nur körperliche Übergriffe. Auch der bewusste Konsum von Missbrauchsdarstellungen muss aus Sicht des Kinderschutzes mitgedacht werden.


Die entscheidende Unterscheidung bleibt: Eine sexuelle Neigung ist nicht dasselbe wie sexuelles Verhalten.


Eine pädophile Neigung führt nicht zwangsläufig zu pädosexuellem Verhalten. Gleichzeitig hat nicht jeder Mensch, der ein Kind sexuell missbraucht, eine pädophile Neigung. Und weder Menschen mit pädophiler Neigung noch Menschen, die sexualisierte Gewalt ausüben, sind ausschließlich Männer.


Daneben gibt es weitere Begriffe: Hebephilie beschreibt eine sexuelle Neigung zu Kindern beziehungsweise Jugendlichen in einer frühen Phase der Pubertät, Ephebophilie jene zu körperlich bereits weiter entwickelten Jugendlichen.


Diese Begriffe beschreiben zunächst, auf wen sich eine sexuelle Neigung richtet. Ob daraus ein Verhalten entsteht, das die Grenzen eines Kindes oder Jugendlichen verletzt, ist eine andere Frage.


Gerade diese Ebenen verschwimmen in unserer Sprache häufig. Und das kann zum Problem werden, wenn wir verstehen wollen, wo Prävention ansetzen muss.


Nicht jedes sexualisierte Kinderbild zeigt einen körperlichen Übergriff


Auch beim Thema Missbrauchsdarstellungen lohnt sich Genauigkeit. Viele solcher Darstellungen dokumentieren reale sexuelle Übergriffe. Doch die sexualisierte Nutzung von Kinderbildern kann darüber hinausgehen.


Ein gewöhnliches Foto eines Kindes am Strand oder im Badeanzug ist für sich genommen kein Kindesmissbrauchsmaterial. Ein ursprünglich alltägliches Bild kann aber aus seinem Zusammenhang gerissen, für sexuelle Zwecke gesammelt, manipuliert oder in sexualisierenden Kontexten weitergegeben werden. Das Ausgangsbild muss also nicht bereits einen körperlichen Übergriff zeigen, damit seine spätere Verwendung missbräuchlich sein kann.


Auch hier geht es darum, Kinder nicht zum Objekt der Sexualität Erwachsener zu machen.


Wenn die eigene Neigung erst nach und nach erkennbar wird


Eine pädophile Neigung wird nicht zwangsläufig von einem Moment auf den anderen erkannt.


Jugendliche beginnen im Laufe ihrer Entwicklung wahrzunehmen, welche Menschen sie sexuell interessieren und welche Fantasien sie beschäftigen. Für manche wird erst mit zunehmendem Alter deutlich, dass sich ihre sexuelle Neigung weiterhin auf vorpubertäre Kinder richtet, während sie selbst älter werden.


Diese Erkenntnis kann einen massiven inneren Konflikt auslösen. Nicht nur deshalb, weil Pädophilie gesellschaftlich fast automatisch mit Täterschaft verbunden wird. Sondern auch durch das Wissen: Wenn ich diese Neigung auslebe, verletze ich die Grenzen eines Kindes.


Scham, Angst und Selbsthass können damit ebenso verbunden sein wie die Frage, wie ein Leben mit dieser Neigung überhaupt aussehen kann.

Für manche beginnt damit ein sehr einsamer Prozess.


Mit wem spricht man über etwas, über das niemand sprechen will?


Von Menschen mit pädophiler Neigung erwarten wir zu Recht, dass sie Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen und niemals die Grenzen eines Kindes verletzen.


Gleichzeitig gibt es nur wenige Räume, in denen jemand überhaupt aussprechen kann, dass diese Neigung vorhanden ist, ohne unmittelbar als Täter wahrgenommen zu werden. Genau darin liegt ein Dilemma. Wenn wir wollen, dass Menschen Verantwortung übernehmen, Risiken frühzeitig erkennen und sich Unterstützung holen, müssen sie auch die Möglichkeit haben, genau das zu tun.


Denn Schweigen lässt eine sexuelle Neigung nicht verschwinden.


Es kann vielmehr dazu führen, dass jemand versucht, mit Fantasien, Scham, sexuellem Druck, Einsamkeit oder möglichen Risikosituationen vollständig allein umzugehen. Und genau dieses Alleinsein sollte uns aus Sicht der Prävention interessieren.


Wenn professionelle Räume fehlen, entstehen andere


Menschen suchen Austausch. Besonders dann, wenn sie mit etwas leben, über das sie in ihrem Umfeld kaum sprechen können.


Im Internet gibt es deshalb Foren und Communitys, in denen sich Menschen mit pädophilen Neigungen miteinander austauschen. Solche Räume können zunächst entlasten, weil man dort auf andere trifft, die ähnliche Konflikte kennen.

Sie können aber auch problematisch werden.


Wer Unterstützung sucht und keine Grenzen verletzen will, kann dort auf Menschen treffen, die pädosexuelles Verhalten relativieren, Verantwortung verschieben oder problematische Fantasien gegenseitig bestärken. Das bedeutet nicht, dass jeder Austausch unter Betroffenen gefährlich ist.


Es zeigt aber, warum professionelle und niedrigschwellige Alternativen so wichtig sind: Räume, in denen über eine pädophile Neigung gesprochen werden kann, ohne den Menschen vorschnell mit einer Tat gleichzusetzen – und in denen gleichzeitig keinerlei sexualisierte Grenzverletzung gegenüber Kindern relativiert wird.


Therapie ist wichtig. Doch was passiert bis dahin?


In Österreich gibt es mit dem Dunkelfeldprojekt „Nicht Täter Werden“ ein spezialisiertes Angebot für Menschen mit pädophilen oder hebephilen Neigungen. Es richtet sich an Menschen, die noch keine Straftat begangen haben und Unterstützung suchen, damit das so bleibt.


Solche Angebote sind wichtig. Doch spezialisierte Therapieplätze sind begrenzt. Zwischen der Erkenntnis „Ich brauche Unterstützung“ und dem Beginn einer spezialisierten Behandlung kann Zeit liegen. Diese Zeit darf kein präventives Vakuum sein.

Prävention kann nicht bedeuten: Suche dir einen Therapieplatz und versuche bis dahin alleine zurechtzukommen. Es braucht deshalb auch Angebote vor und ergänzend zu einer spezialisierten Psychotherapie.


Eine erste Anlaufstelle muss nicht zwangsläufig bereits Therapie leisten. Sie könnte bei Psychohygiene und Alltagsstruktur unterstützen, helfen persönliche Risikosituationen zu erkennen, Strategien für schwierige Momente zu entwickeln, soziale Isolation zu reduzieren oder einen Krisenplan zu erstellen.


Eine solche Beratung ersetzt keine Psychotherapie.


Sie kann aber eine wichtige Brücke sein. Dafür braucht es aus meiner Sicht gezielte Aus- und Weiterbildungen für Fachpersonen aus der psychosozialen und sexualberaterischen Arbeit.


SexualberaterInnen, psychosoziale BeraterInnen und andere geeignete Fachkräfte könnten darin geschult werden, pädophile und hebephile Neigungen fachlich einzuordnen, Warnsignale und Risikofaktoren zu erkennen und klare Grenzen gegenüber pädosexuellem Verhalten zu vertreten. Gleichzeitig könnten sie Menschen dabei unterstützen, ihren Alltag so zu gestalten, dass Risiken möglichst gering bleiben, und den Weg in eine spezialisierte Therapie begleiten.


An bestehende Ausbildungsstrukturen ließe sich dabei anknüpfen. Themen wie Sexualpräferenzen und Paraphilien, Sexualität und neue Medien sowie sexuelle Gewalt sind bereits heute Bestandteil sexualberaterischer Weiterbildungen in Österreich.

Prävention müsste diese Kompetenzen gezielt ausbauen.


Und damit kommen wir zurück zur eigentlichen Frage: Was schützt Kinder tatsächlich?


Sexualisierte Gewalt an Kindern ist Unrecht. Eine pädophile Neigung erklärt eine Tat nicht weg und entschuldigt sie nicht.


Strafverfolgung nach einer Tat ist notwendig. Täter müssen Verantwortung für ihr Handeln übernehmen. Betroffene Kinder brauchen Schutz, Unterstützung und Erwachsene, die ihnen glauben. Aber Prävention muss früher beginnen. Sie beginnt dort, wo Kinder Sprache für ihren Körper und ihre Grenzen bekommen. Dort, wo Erwachsene Warnzeichen ernst nehmen und Institutionen funktionierende Schutzkonzepte haben.


Und sie beginnt auch dort, wo ein Mensch eine sexuelle Neigung zu Kindern bei sich erkennt, und Hilfe bekommt, bevor daraus pädosexuelles Verhalten entsteht. Dafür braucht es anonyme Erstkontakte, spezialisierte Therapieangebote, entsprechend geschulte SexualberaterInnen und psychosoziale Fachkräfte – aber auch Möglichkeiten, die Zeit bis zu einer spezialisierten Behandlung professionell zu überbrücken.


Menschen dabei zu unterstützen, keine pädosexuellen Taten zu begehen, steht nicht im Widerspruch zum Kinderschutz. Es ist Prävention mit einem sehr konkreten Ziel: dass kein Kind zum Opfer wird.

 

Hilfe und Beratung

Das österreichische Dunkelfeldprojekt „Nicht Täter Werden“ des Instituts für Forensische Therapie richtet sich an Menschen mit pädophilen oder hebephilen Neigungen. Eine Kontaktaufnahme ist auch anonym möglich.

Über die Männerberatung Wien ist eine Terminvereinbarung unter +43 1 603 28 28 möglich.

In akuten Krisensituationen ist die Männerinfo unter 0800 400 777 rund um die Uhr erreichbar.

 

 
 
 

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