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Was Tradwives und die Manosphere uns wirklich verkaufen


Zwei Seiten derselben Medaille

 

Tradwives und die sogenannte Manosphere wirken auf den ersten Blick wie zwei Gegenpole. Hier die ästhetisch inszenierte Hausfrau in pastellfarbener Küche, die Sauerteigbrot backt und von Weiblichkeit, Hingabe und Einfachheit spricht. Dort der selbsternannte Alpha-Mann, der in Podcasts und Kurzvideos erklärt, warum Männer wieder „führen“ müssten. Optisch könnten sie kaum unterschiedlicher auftreten. In ihrer Wurzel verkaufen sie jedoch dasselbe.

 

An dieser Stelle lohnt sich eine kurze Einordnung. Als „Tradwife“ kurz für „traditional wife“ inszenieren sich Frauen, die ein klassisches Rollenbild propagieren: der Mann als Versorger, die Frau als zuständig für Haushalt, Kinder und emotionale Fürsorge. Die „Manosphere“ wiederum ist ein loses Netzwerk aus Influencern, Coaches und Online-Communities, in der Männlichkeit vor allem über Dominanz, Kontrolle, Status und Erfolg verhandelt wird. Beide geben vor, Orientierung zu bieten. Tatsächlich liefern sie vor allem einfache Antworten auf eine komplexe Gegenwart.

 

Und genau darin liegt ihre Wirksamkeit.

 

In den letzten Jahren hat sich gesellschaftlich viel bewegt. Vielfalt, Empowerment, Bodypositivity, Selbstbestimmung. All das ist für viele Menschen ein wichtiger Gegenentwurf zu alten Zwängen. Der Wunsch, freier leben zu dürfen, sich nicht in starre Rollen pressen zu lassen und den eigenen Körper nicht permanent bewerten zu müssen, ist berechtigt. Aber auch aus diesen emanzipatorischen Bewegungen ist längst ein Markt geworden. Freiheit verkauft sich gut. Vielfalt verkauft sich gut. Selbstliebe verkauft sich gut. Marken, Influencer und ganze Industrien sind darauf aufgesprungen und haben gelernt, aus Individualität ein Geschäft zu machen.

 

Der Unterschied ist für mich dennoch ein entscheidender: Während diese Strömungen zumindest dem Anspruch haben Räume öffnen zu wollen, verengen Tradwives und die Manosphere den Raum wieder. Sie tun nicht so, als gäbe es viele mögliche Lebensentwürfe. Sie behaupten, den richtigen gefunden zu haben.

 

Beide erzählen im Kern dieselbe Geschichte: Die moderne Welt habe uns in die Irre geführt. Frauen seien überfordert, Männer entmachtet, Beziehungen gescheitert, Rollen verwischt. Die Lösung? Zurück zu einer angeblich natürlichen Ordnung. Zurück zu klaren Zuständigkeiten. Zurück zu einem Leben, das einfacher, gesünder und erfüllter sein soll, sobald jeder wieder „seinen Platz“ kennt.

 

Das Problem daran ist nicht nur die Ideologie dahinter. Es ist auch die Art, wie sie verkauft wird.

 

Denn Tradwives und die Manosphere reden nicht bloß über Rollenbilder und Beziehungskonstellationen. Sie sagen uns auch, wie wir leben sollen, ob wir Karriere machen sollten und wie Erfolg überhaupt auszusehen hat. Genau da müssen wir genauer hinsehen.

 

Wenn eine Tradwife in ihren Reels davon schwärmt, wie befreiend es sei, sich auf das „Wesentliche“ zu konzentrieren, auf Ehemann, Haushalt und Kinder, klingt das zunächst nach freiwilliger Entscheidung. Nach Ruhe. Nach Sinn. Nur ist ebendiese Tradwife in Wahrheit oft überhaupt keine Hausfrau. Sie ist Unternehmerin, Content Creatorin, Marke. Sie plant Inhalte, produziert Videos, vermarktet sich selbst und verdient damit Geld. Häufig steckt hinter dem scheinbar spontanen Reel kein natürlicher Alltag, sondern ein durchinszeniertes Konzept. Mit Skript, Kamera, Licht und bei großen Accounts nicht selten sogar mit einem ganzen Social-Media-Team.

 

Was uns da als glückliches, einfaches Leben verkauft wird, ist also oft selbst hochprofessionalisierte Erwerbsarbeit.

 

Und genau darin steckt die Irreführung. Denn jungen Frauen wird ein Lebensmodell nahegelegt, das für die allermeisten Menschen finanziell überhaupt nicht realistisch ist. Ein Leben in wirtschaftlicher Abhängigkeit vom Partner. Ohne eigenes oder nur geringes Einkommen. Das ist kein romantischer Rückzugsort, sondern ein reales Risiko, besonders dann, wenn Beziehungen scheitern, Krisen kommen oder später die Altersarmut zuschlägt. Von fehlender Pension oder geringer Absicherung ist in diesen perfekt ausgeleuchteten Videos natürlich nicht die Rede.

 

Auch in der Manosphere funktioniert vieles über Inszenierung. Dort wird Männlichkeit über Statussymbole, Dominanz und finanziellen Erfolg verkauft. Da steht dann der Sportwagen im Bild, die Luxusuhr am Handgelenk, das große Versprechen vom „freien Mann“, der das System durchschaut hat und es nun allen anderen zeigt. Aber auch hier lohnt sich die Frage: Ist der echte Erfolg, oder eine Kulisse? Ein Lamborghini lässt sich für ein paar Stunden mieten. Reichtum lässt sich darstellen. Autorität lässt sich performen. „Fake it till you make it“ scheint nicht nur in Influencer-Kreisen, sondern auch in der Manosphere ein stilles Credo zu sein.

 

Beide Bewegungen leben davon, dass sie ihre Follower nicht nur mit Botschaften, sondern mit Bildern überzeugen. Es reicht nicht zu sagen, wie das richtige Leben aussieht, sie stellen es uns gleich fertig inszeniert vor die Nase. Das macht diese Inhalte gerade für Jugendliche so problematisch. Denn wer jung ist, sucht Orientierung. Wer jung ist, fragt sich: Wer bin ich? Wie sollte ich sein? Was macht mich liebenswert, attraktiv, erfolgreich? Und wenn dann auf Social Media jemand scheinbar mühelos vormacht, wie diese Antworten aussehen sollen, ist die Verführung groß.

 

Das Gefährliche daran ist die Simplifizierung. Mädchen bekommen vermittelt, dass ihr Wert in Hingabe, Anpassung und Attraktivität liegen könnte. Burschen lernen, dass sie stark, dominant, erfolgreich und unangreifbar sein müssten. Komplexität verschwindet. Ambivalenz verschwindet. Vielfalt wird ersetzt durch Schwarz-Weiß Bilder. Wer nicht hineinpasst, beginnt schnell, an sich zu zweifeln.

 

Deshalb lohnt es sich, wenn wir selbst oder unsere Kinder solche Inhalte konsumieren, immer einen Blick hinter die Kulissen werfen. Wie entsteht dieses Reel eigentlich? Wer filmt das? Wer schneidet das? Was wird gezeigt und was bleibt unsichtbar? Denn das, was am Ende auf unseren Endgeräten landet, ist selten einfach nur ein ehrlicher Alltag. Es ist oft ein Produkt. Eine Inszenierung. Eine Erzählung mit Verkaufsabsicht.

 

Tradwives und die Manosphere wirken also vielleicht wie zwei Gegenpole. Tatsächlich sind sie zwei Seiten derselben Medaille. Beide romantisieren starre Rollenbilder. Beide erzeugen erst Unsicherheit und verkaufen dann die passende Lösung. Beide tun so, als würden sie Wahrheit aussprechen, während sie in Wirklichkeit vor allem ein Geschäftsmodell bedienen. Und beide sind für junge Menschen besonders bedenklich, weil sie Orientierung versprechen, wo eigentlich Offenheit, Widersprüchlichkeit und echte Freiheit nötig wären.

 

Die Frage ist deshalb nicht nur, was uns diese Bewegungen erzählen. Sondern auch, warum sie es erzählen und wer daran verdient, dass wir es glauben.

 
 
 

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